Else Wentscher,
 
*1877; †1946
 
Die gebürtige Schlesierin studierte Philosophie, schrieb über philosophische Probleme und war mit einem Philosophen verheiratet. Ihr vordringliches Interesse richtete sie auf psychologische, ethische und pädagogische Fragestellungen. In "Der Wille" analysierte sie 1910 die psychopädagogischen Voraussetzungen menschlichen Wollens. Sie gelangte zu dem Schluss, dass der Wille nicht nur als Reaktion auf Reize oder als Erinnerung und Assoziation aufzufassen sei. Als wichtiger für die Willensbildung zeige sich die Erkenntnis von Wertgefühlen, die aus der Synthese von intellektuellen und psychischen Vorgängen entstehen. In "Grundzüge der Ethik" knüpfte sie 1913 an die Untersuchungen über den Willen an, indem sie die ethische Forderung nach Sittlichkeit mit der Wertgebundenheit des Willens verglich. In der "Geschichte des Kausalproblems" ging sie zuletzt dem Zusammenhang von Psychologie und Logik auf den Grund.[1]

ZUR ERINNERUNG AN DIE PHILOSOPHIN Dr. h. c. ELSE WENTSCHER
(Zugleich eine Betrachtung über den Wandel philosophischer Zeitströmungen) von Johannes Thyssen, Bonn.
An Nachrufe, die infolge der Ungunst der Zeiten verspätet erscheinen, sind wir im Deutschland der letzten Jahre gewöhnt, und abgesehen vom Ausdruck des Dankes für bedeutende Persönlichkeiten dienen sie der Vervollständigung des geschichtlichen Bildes. So scheint es angemessen, einer Frau zu gedenken, die zu den markanten Gestalten jener großen Bewegung gehörte. von der die Gleichberechtigung der Frau auch auf geistigem und beruflichem Gebiet erkämpft wurde; der Philosophin Else Wentscher (1877 bis 1946). Gerade die wissenschaftliche Philosophie mit ihrer Abstraktheit ist sicherlich, wie auch die Geistesgeschichte zeigt, kein Bereich, zu dem die Frau eine besondere Affinität besitzt. Es ist aber bemerkenswert. daß seit jener großen Ausweitung der Frauenbetätigung auch hier zunehmende Aneignungen erfolgt sind. Während von dem Emporkommen der Phänomenologie Husserls die bedeutenden Leistungen einer Edith Stein und H. Conrad- Martius mit emporgetragen sind, ist für das Bild der sich entwickelnden Frauenbewegung nicht zu vergessen, daß schon auf dem Boden der sozusagen älteren philosophischen Schicht, in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, E. Wentscher eine selbständige Aneignung und Darstellung zentraler philosophischer Gebiete und Probleme unternommen hat (6. insbesondere die beiden Bändchen aus „Natur und Geisteswelt”: "Der WilIe" 1910 und „Grundzüge der Ethik” 1920).
Wenn man nun nicht als Historiker der Frauenbewegung, sondern als Philosoph sich E. Wentschers Schaffen aus ihren zahlreichen Schriften vergegenwärtigt, könnte man es als Philosophie-Historiker tun, der ihnen auf
 
[1] © Lebensweisheiten berühmter Philosophinnen, Stefan Knischek, Humboldt Verlags GmbH 2006; S. 282
[2] Zeitschrift für philosophische Forschung Publication Info; Bd. 5, H. 1, 1950;Published by: Vittorio Klostermann GmbH;Issue Stable URL: http://www.jstor.org/stable/i20480426; (pp. 116-120);Johannes Thyssen; Stable URL: http://www.jstor.org/stable/20480439
 
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